Ballon

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Ballon- Filmbesprechung


Junge Menschen im Alter von bis zu 30 oder 35 Jahren, die in Zwickau, Aachen, Dresden oder Berlin leben, kennen die „deutsche Todesgrenze“ nur noch aus Erzählungen oder aus Büchern und Filmen. Mauer, Stacheldraht, abgerichtete Hunde und schwerbewaffnete DDR-Grenztruppen trugen dafür Sorge, dass Fluchtversuche von Ostdeutschland nach Westdeutschland unterbunden wurden.


Durch Berlin ging eine Mauer, die als „Berliner Mauer“ traurige Weltberühmtheit erlangt hatte. Was erst nach dem Zerfall der DDR 1989 offiziell ans Tageslicht kam und den „Abgrund der Perversion“ darstellt ist folgende Tatsache: Grenzsoldaten der DDR wurden vom SED-Regime belohnt mit Sonderurlaub und Geldprämien, wenn die Grenzwächter Fluchten vereiteln konnten. Ob dabei ein Mensch ums Leben kam, interessierte in den Regierungsetagen der SED niemanden. Unvergessen der Fall des Peter Fechter. Der 1944 geborene Berliner wollte von Berlin-Mitte nach Berlin-Kreuzberg fliehen als 18 Jahre junger Bursche. DDR-Grenzer eröffneten 1962 das Feuer aus ihren Gewehren. Im Todeszaun schrie der junge Mann schwerverletzt um Hilfe. Nach Stunden des Leidens verstarb Peter Fechter. Nun ging um die ganze Welt, was Mauer und Schießbefehl konkret bedeuten und was sie bewirken. Die Stimmung in der Frontstadt Berlin war damals so angeheizt, dass Westberliner Bürger US-Soldaten tätlich angegriffen hatten. Man warf der US-Armee vor, einer der vier Besatzungs- und Schutzmächte, nicht dem schwerverletzten Peter Fechter geholfen zu haben.


Wenn man heute an all das erinnert wird, kann man erst recht nachfühlen, welches Risiko Flüchtlinge eingegangen sind. Sie waren bereit, ihren Fluchtversuch notfalls mit dem Leben zu bezahlen. Das galt besonders für Flüchtlinge, die mit Hilfe eines Heißluftballons die DDR verlassen wollten. Der Ballon konnte in eine elektrische Oberleitung geraten und ein Feuer verursachen. Der Absturz wäre wahrscheinlich tödlich gewesen oder die Insassen wären zumindest schwerstverletzt worden. Ebenso hätte es durch ein Abdriften in großer Höhe zu einem Kälteschock für die Insassen des Ballons führen können, die im schlimmsten Falle zum Tod durch Erfrieren geführt hätte. Ein Grenzer konnte den Ballon mit Leichtigkeit abschießen. Ein Treffer in den mit Gas gefüllten Ballon wäre ausreichend gewesen. Ja sogar ein Volkspolizist mit seiner Dienstpistole hätte den startenden Ballon in nicht allzu großer Höhe noch zerstören können. Daher gingen am 16. September 1979 die beiden Familien Strelzyk und Wetzel aus Thüringen in einem selbstgefertigten Heißluftballon ein großes Wagnis ein. Acht Personen wagten die Flucht und kamen überglücklich im bayerischen Naila an.


Starregisseur Michael Bully Herbig hat daraus einen fesselnden Thriller inszeniert, der den Namen „Ballon“ trägt. Der 1968 geborene Regisseur, der auch erfolgreich als Schauspieler, Komiker, Drehbuchautor, Synchronsprecher und Filmproduzent in Erscheinung getreten ist, hat sich schnell eine große Fangemeinde geschaffen. Michael Bully Herbig ist u. a. bekannt durch die TV-Sendung „Bullyparade“, die von 1997 bis 2002 auf ProSieben ausgestrahlt worden ist. Mit Filmen wie „Der Schuh des Manitus“, „(T)Raumschiff Surprise-Periode 1“und „Bully macht Buddy“ eroberte er die Herzen der Fans im Sturm. Welch hohen Stellenwert dieser Künstler für die deutsche Filmwelt hat, kann man auch hieran ersehen: Im Juni 2011 eröffnete in München-Grünwald die „Bavaria Filmstadt“ das „Bullyversum.“ Dabei handelt es sich um ein 1.500 Quadratmeter großes Erlebniszentrum, wo das Leben und Wirken des deutschen Ausnahmekünstlers präsentiert werden. Zum Inhalt: Sommer 1979 in Thüringen. Die Familien Strelzyk und Wetzel haben über zwei Jahre hinweg einen waghalsigen Plan geschmiedet: Sie wollen mit einem selbst gebauten Heißluftballon aus der DDR fliehen. Doch der Ballon stürzt kurz vor der westdeutschen Grenze ab. Die Stasi findet Spuren des Fluchtversuchs und nimmt sofort die Ermittlungen auf, während die beiden Familien sich gezwungen sehen, unter großem Zeitdruck einen neuen Flucht-Ballon zu bauen. Mit jedem Tag ist ihnen die Stasi dichter auf den Fersen – ein nervenaufreibender Wettlauf gegen die Zeit beginnt …


Das Drehbuch schrieben Kit Hopkins, Thilo Röscheisen und Michael Bully Herbig in enger Abstimmung mit den Familien Strelzyk und Wetzel. Die Hauptrollen spielen Friedrich Mücke (SMS für dich, Friendship!), Karoline Schuch (Katharina Luther, Ich bin dann mal weg), David Kross (Simpel, Der Vorleser), Alicia von Rittberg (Jugend ohne Gott, Charité) und Thomas Kretschmann (Operation Walküre, Der Untergang). BALLON ist eine Produktion von herbX film in Koproduktion mit STUDIOCANAL Film und Seven Pictures und wurde gefördert von FilmFernsehFonds Bayern und Medienboard Berlin-Brandenburg sowie von der Mitteldeutschen Medienförderung, FFA Filmförderungsanstalt und dem Deutschen Filmförderfonds nach einem Drehbuch von Kit Hopkins & Thilo Röscheisen und Michael Bully Herbig. Den Weltvertrieb hat STUDIOCANAL übernommen. Die Dreharbeiten fanden Ende 2017 in Bayern, Thüringen und Berlin statt.


STUDIOCANAL brachte BALLON am 14. März 2019 als DVD, Blu-ray und 4K UHD heraus. Die Lauflänge beträgt rund 120 Minuten. Wir haben uns „Ballon“ in der Redaktion angesehen und geben Michael Bully Herbig und seinem Stab Bestnoten. Schauspielerische Meisterleistungen begleiten den Zuschauer jede Filmsekunde. Man zittert mit den Flüchtenden mit, ob sie heil und gesund an ihr ersehntes Ziel ankommen. Die Filmmusik, für die der 1965 geborene Komponist Ralf Wengenmayr verantwortlich ist, geht unter die Haut. Jeder Takt passt zur betreffenden Filmszene. Ein Lob gibt es auch für  Michael Bully Herbig und sein Team für die Tatsache, dass sie die jüngste deutsche Geschichte nicht in Vergessenheit geraten lassen! Gerade für junge Menschen ist es viel interessanter und spannender, sich diesen Thriller anzusehen, als aus staubtrockenen Lehrbüchern darüber zu erfahren, was ein Fluchtversuch im Klartext bedeutet hatte. Wie gefährlich eine Flucht aus der DDR mit dem Heißluftballon war, soll folgende Tatsache belegen: Im März 1989, genau 8 Monate und einen 1 Tag vor der Grenzöffnung, landete der 1956 geborene Winfried Freudenberg mit seinem Gasballon in West-Berlin. Der Ingenieur hat diesen Fluchtversuch nicht überlebt. Man fand ihn leblos im Ballon vor. Es wird vermutet, der Ballon kam in sehr große Höhen und Winfried Freudenberg ist erfroren. Er war das letzte Todesopfer auf der Flucht von Deutschland nach Deutschland. Aufgrund dieser schrecklichen Tatsache kommt dem Film BALLON auch so viel geschichtliche Bedeutung noch zu. „Danke, BULLY & Team“, das sagt unsere Redaktion.


Text: Volkert Neef/Foto: STUDIOCANAL

Veröffentlicht am 28.03.2019