Künstler leiden unter Corona

Künstler leiden unter Corona


Man kann auf zweierlei Art und Weise unter Corona leiden. Einmal direkt, weil dieses Virus einen Menschen heimgesucht hat und er nun krank ist. Anderseits leiden Menschen unter der Pandemie, weil ihnen regelrecht der Boden unter den Füßen weggebrochen ist. Gastwirte haben ihre Betriebe geschlossen oder erzielen nur minimale Umsätze mit dem Geschäft der Außer-Haus-Verkäufe, Taxifahrer warten stundenlang jetzt auf den ersten Fahrgast des Tages und Künstler dürfen nicht auftreten. Damit fallen für Schauspieler, Musiker, Dramaturgen, Regisseure, Ballettmeister, Sänger und viele andere Kulturschaffende die Einnahmequellen weg. Nicht nur das, auch das Einstudieren von Texten auf der Bühne, das Probespielen und Probetänze finden aufgrund der Pandemie momentan nicht statt.

Die Politik versucht, ein soziales Netz für die Kulturschaffenden aufzuspannen. Die berechtigte Frage stellt sich dabei natürlich, ob das soziale Netz jeden Künstler wirklich auffängt. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion spricht sich beispielsweise für einen Gutschein statt für die Erstattung bei abgesagten Veranstaltungen aus. Dadurch sichert man „unsere kulturelle Vielfalt“, wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Thorsten Frei betonte. Er sagte außerdem: „Uns ist bewusst, wie außergewöhnlich ein Eingriff des Gesetzgebers in bereits bestehende Vertragsverhältnisse zwischen Veranstaltern und Verbrauchern ist. Aber wir sind überzeugt, dass es für den Erhalt unserer einzigartigen Kultur- und Sportlandschaft sowie Tausender Arbeitsplätze jetzt notwendig ist, in der Corona-Pandemie für einen fairen Interessenausgleich zwischen Veranstaltern und Verbrauchern zu sorgen. Die Alternative wäre eine verheerende Pleitewelle in Kultur und Sport.“


Simone Barrientos ist kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE. Sie erklärte: „Wenn auch erste Lockerungen verkündet werden: Wir werden noch für eine längere Zeit auf kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Clubnächte, Ausstellungsbesuche und Theateraufführungen verzichten müssen. Kultur und Kreativwirtschaft werden in den nächsten Monaten extreme Einkommensausfälle verzeichnen, Kulturschaffende fürchten bereits heute um ihre Existenz und haben ernsthafte finanzielle Sorgen. Für selbstständige Künstlerinnen und Künstler ohne eigene Arbeitsräume und Betriebskosten ist das Soforthilfeprogramm des Bundes unbrauchbar, sie erhalten keine Wirtschaftsförderung, sondern sind auf die Grundsicherung zurückgeworfen. Und auch den Kultureinrichtungen und Spielstätten ist mit Krediten und Darlehen nicht geholfen, da sie aus der Verschuldung nicht eigenständig herauskommen werden.“

Jürgen Hilbrecht

Die Schauspielerin, Dramaturgin, Autorin Alexandra J. Frölich kennt man vom DJT, dem „Deutsch-Jüdischen Theater“ in Berlin. Sie sagte im Pressegespräch: „Zuerst einmal möchte ich mich für den von Ihnen veröffentlichten Artikel über den Herrn Bundestagsabgeordneten Josef Rief, die singenden Parlamentarier im Paul-Löbe-Haus, bedanken. Damit stellten die Abgeordneten unter Beweis, wir Künstler sind nicht vergessen worden. Ob es sich nun um Mitglieder von Musikkapellen, Schauspieler, Sänger, Regisseure oder Kolleginnen und Kollegen eines Ballettensembles handelt, das ist unwichtig. Alle Kulturschaffenden sitzen doch in einem Boot. Ich bin aber entsetzt, mit welcher Gleichmütigkeit eine weitere Schließung für alle von drei Monaten verkündet wird. Ich verstehe, dass dieses Vorgehen den staatlich finanzierten Staatstheatern sehr entgegenkommt, aber was die kleinen Bühnen und Veranstalter ohne institutionelle Förderung durch den Senat betrifft, die nicht die übliche "Saison" spielen, halte ich es für überaus fahrlässig. Dieter Hallervorden hat es treffend formuliert, dass Existenzängste und Depression gerade bei Künstlern um sich greifen, aber auch bei den Menschen in der Stadt im Allgemeinen. Wir privat organisierten Theater sind in der Regel keine Großveranstaltung und können uns den Luxus einer monatelangen Schließung nicht leisten, aber wir sind gezwungenermaßen Meister in der Improvisation und können der Situation durchaus Rechnung tragen. Wir spielen lieber vor einem halb vollen Saal als dass wir mit einem monatelangen Berufsverbot belegt werden, dass uns tatsächlich unsere Existenz kosten könnte.“ Schwere Vorwürfe macht sie auch dem Berliner Kultursenator Dr. Klaus Lederer (DIE LINKE). Er „hat die freie Kulturszene weder erwähnt, noch diesbezüglich in irgendeiner Form Bewusstsein der Problematik und Verantwortung gezeigt.“


Das Düsseldorfer Theater an der Kö ist unseren Leserinnen und Lesern sehr gut bekannt. Die Redaktion vom " Düsseldorfer Blatt " war dort mehrmals bei Premieren und hat darüber geschrieben.„ Jetzt ist das Theater leer“,- sagte uns der Regisseur und Theaterleiter René Heinersdorff,- " Das ist ein Bild, das man als Theaterdirektor nicht so gerne sieht. Ich persönlich mag es, wenn Sie bei uns sind. Wir warten schon auf die Zeit, wann wir den Spielbetrieb wieder aufnehmen dürfen. Insofern ist es für uns wichtig, bleiben Sie bei uns, lassen Sie uns jetzt nicht im Stich, helfen Sie uns in dieser Krise Theater an der Kö aufrechtzuerhalten. Es wäre für uns alle eine große Freude, Sie alle hier wiederzusehen." 

Günter Rüdiger

In Berlin-Steglitz wird das ZIMMERTHEATER von Günter Rüdiger geleitet. Der Intendant erklärte: „Ich habe erst im Nachhinein gemerkt, dass ich in diesem Jahr zum ersten Mal die Osterfeiertage gemeinsam mit meiner Familie verbringen konnte, mal ganz ohne Kinder- und Abendvorstellungen. Außerdem haben wir jetzt schon ein paarmal gemeinsam zu Hause zum Abendessen zusammengesessen. Das war ganz ungewohnt. So schön sich das für Außenstehende auch anhören mag, verdeckt es doch nicht die aktuelle Situation, unter der wir Künstler leiden. Keine Einnahmen, keine Proben, kein verantwortlicher Mensch aus den Reihen der Politik kann uns sagen, wann der Theatervorhang wieder hochgezogen werden darf.“ 


Den 1942 in Berlin-Johannisthal geborenen Schauspieler Jürgen Hilbrecht kennt man aus zahlreichen DEFA-Spielfilmen. Seine Paraderolle im Theater ist „Der Hauptmann von Cöpenick.“ Er ist mit der Schauspielerin, Kabarettistin, Regisseurin und Theaterpädagogin Ilona Knobbe verheiratet. Jürgen Hilbrecht hat „solche Zeiten, wo wir Künstler nicht auftreten dürfen, noch nie zuvor erlebt. Meiner Gattin und mir geht es „noch“ gut. Ilona und ich haben keine Anträge gestellt, da wir ja Rentner sind. Alle Kolleginnen und Kollegen, die jetzt auf Unterstützung von Vater Staat angewiesen sind, erfahren unsere volle Solidarität.“ Es gilt jetzt bei den Kulturschaffenden, den Humor auf gar keinen Fall zu verlieren. Intendant Günter Rüdiger hat folgenden Witz auf Lager: Kommt ein Schauspieler zum Arzt. Der Mediziner sagt nach gründlicher Untersuchung: „Wenn Sie so weitermachen, leben Sie höchstens noch zwei Jahre.“ Fragt der Künstler: „Von was soll ich Hungerleider denn noch zwei Jahre Leben können, lieber Herr Doktor?“


Text: Volkert Neef

Fotos: Volkert Neef, Svetlana Reinwarth, Ralf Flucke

Veröffentlicht am 03.05.2020